Freitag, 18 Januar 2019

Theorie und Praxis: Die „Aprilthesen“

Die Wut und der Unmut sind bekannt, mit der Lenin – noch in Zürich und dann während der Reise, die ihn wieder nach Petrograd brachte (natürlich lassen wir die gesamte Folklore und das Geschrei beiseite über den „plombierten Zug“) – die in der „Prawda“ veröffentlichten Artikel las, die damals von Stalin und Kamenev geleitet wurde, und die wahre Abreibung, die er mit seiner Ankunft der gesamten Redaktion verpasste, die schweigsam und verblüfft war.

Der Grund waren die Positionen, die die SDAPR(B) eingenommen hatte, die bolschewistische Partei von Russland, gegenüber der Regierung, die aus der Februarrevolution hervorgegangen war: eine bürgerliche Regierung, stark gebunden an die ökonomischen, finanziellen und strategischen anglo-französischen Interessen, die noch – mehr oder weniger unter der Hand – mit dem Fall des zaristischen Regimes beschäftigt war und auf alle Fälle beabsichtigte, den imperialistischen Raubkrieg, der seit 3 Jahren am Laufen war, fortzuführen. Die Positionen der Partei haben sich substantiell stark an die klassischen menschewistischen Thesen angenähert: kein Kriegszustand gegenüber dieser Regierung, Erwartungen gebunden an die Einberufung verfassungsgebenden Versammlung, Doppeldeutigkeiten gegenüber dem Krieg... Die „Thesen“, die Lenin dann ausarbeitete, zuerst in zusammenfassender Fassung („Über die Aufgaben des Proletariats in der gegenwärtigen Revolution“, 4.-5. April) und wenige Tage danach in ausführlicher Fassung („Die Aufgaben des Proletariats in unserer Revolution – Entwurf einer Plattform der proletarischen Partei“, 10. April), sind als „Aprilthesen“ bekannt und konstituieren eine wirkliche, drastische Neujustierung und demnach die Grundbedingung für die folgenden Entwicklungen in der Taktik der Partei, bis zur Machtübernahme im Oktober. Es ist auch bekannt, dass die gesamte Partei, nachdem sie diese „Thesen“ mit einer anfänglichen Verblüffung aufgenommen hatte, sich im Klaren darüber war, dass diese, in der Realität der Fakten, seit jeher die Position waren: dass das „Klartextreden“ von Lenin „die Partei selbst offenbart“ hatte – ganz banal hatte das die Partei nach gefährlichem Schwanken wieder zurück in die richtige Bahn gebracht.

Keine „Neuigkeit“, und kein „Mensch der Vorsehung“

Keine „Neuigkeit“ also. Der „Schlag mit der Stange“ von Lenin hat die Partei dahin zurückgebracht, was vom Manifest der Kommunistischen Partei von 1848 und der „Ansprache der Zentralbehörde an den Bund der Kommunisten“ von 1850 an und durch die Lenin´sche „Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution“ von 1905 (und die Erfahrung, zuerst, der Pariser Kommune von 1871 und, dann, der russischen Revolution von 1905, mit der Entstehung und der Organisierung der Sowjets), war die bereits „kodierte“ Taktik der Permanenten Revolution. Sprich: die Taktik der Kommunistischen Partei in einer doppelten Revolution, mit dem Ziel die alte feudale Macht niederzureißen und die Macht durch das Proletariat zu übernehmen, geführt durch seine Partei, mit der Übernahme auch von bürgerlichen Aufgaben auf der ökonomischen Ebene: unabhängige, bewaffnete Unterstützung der revolutionär-antifeudalen Bourgeoisie, unablässiger Druck, um die demokratische Revolution in vollen Zügen anzustoßen (radikale Agrarreform, Volksbewaffnung, Aushebung des „Dualismus der Macht“), Vorbereitung und Durchführung des Aufstands gegen die neue herrschende Klasse, mit dem Ziel die Macht zu erobern und der Einführung von allen ökonomischen Maßnahmen, die dazu geeignet sind, das Maximum der kapitalistischen Produktivkräfte zu entwickeln und dabei gleichzeitig die reine proletarische, anti-demokratische Revolution in den bereits fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern anzustoßen. All dies „hatte man hier vergessen“ im Chaos der ersten Monate von 1917... 

Keine „Neuigkeit“, also. Aber auch kein „Mensch der Vorsehung“. Es ist die Lenin-Partei in Aktion an diesem April vor 100 Jahren: Kein Individuum, das außergewöhnlich intelligent gewesen wäre. Es ist die Gesamtheit der Parteiarbeit, die generationsübergreifend fortgesetzt werden muss. Es ist der rote Faden, von dem man sich entfernt, wenn man die Theorie und die kollektive Erfahrung ins Meer kippt, der neu geknüpft werden muss. Es gibt keine „Persönlichkeit“, die diese kollektive Erfahrung aufbewahrt: es ist die kollektive Parteiarbeit, die vor jeder Deformation, Verschmutzung, Bruch der Kontinuität mit Zähnen und Klauen verteidigt werden muss. Das Individuum Lenin war derjenige, der unter dem Druck der materiell-historisch festgelegten Bedingungen, zu diesem entscheidenen Zeitpunkt, das Programm am besten zu verteidigen wusste, welches zugleich theoretisch und praktisch ist, geschaffen durch Analysen wie durch Erfahrungen (Plechanov schrieb passenderweise, als er noch ein Marxist und „Lehrer“ von Lenin war, über die „Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte“). Also deshalb sprechen wir von der Lenin-Partei und weisen mit Gespött jede metaphysische Interpretation der historischen Fakten zurück, jede individualistische Konzeption der menschlichen Geschichte. Es sollte klar sein, dass wenn wir den Namen „Lenin“ benutzen, dann nur in diesem Sinne.

Wiederhergestellte Theorie und Praxis

Folglich finden wir in den „Aprilthesen“ nicht nur die Wiederherstellung der korrekten Theorie nach den schwankenden Missverständnissen der in Russland verbliebenen Bolschewiki und der „Prawda“ im Besonderen. Wir finden auch die Notwendigkeit diese wiederhergestellte Theorie in die Praxis zu übersetzen, die Dringlichkeit von den einfachen Erklärungen wegzukommen und sich an die Masse der Proletarier und armen Bauern zu wenden – mit Zielen, die nicht ihren nebensächlichen sondern ihre historischen Bedürfnissen entsprechen. Lenin wäscht den Genossen nicht nur deshalb den Kopf, weil sie die Theorie „vergessen“ haben, sondern auch deshalb, weil sie durch das Vergessen der Theorie die falsche Praxis angewendet haben. Mehr noch: weil sie riskierten zu vergessen, dass Theorie und Praxis Eins sind, dass „Taktik und Organisation untrennbar von den Prinzipien sind“. Die „Aprilthesen“ sind deshalb ein zigfaches „Zurückrufen zur theoretisch-praktischen Ordnung“, in der deutlichsten Kontinuität des dialektischen Materialismus und der Geschichte der internationalen kommunistischen Bewegung. 

Lenin nimmt in der Tat die brennendste Frage des Moments zum Ausgangspunkt: den Krieg. Und erklärt: Nein zu jeder Praxis und Perspektive der „revolutionären Verteidigung“. Es wurde die Haltung von all denen offen bekämpft, die behaupten – als sie gesehen haben, dass der Zarismus gefallen ist und sich eine bürgerlich-demokratische Regierung an seine Stelle gesetzt hat – dass der Charakter des Krieges geändert und korrigiert worden wäre und es für das Proletariat und die armen Bauern darum ginge, den Krieg gegen den deutschen Feind zu befürworten. Der Krieg – sagt Lenin – ist und bleibt ein imperialistischer Krieg und als solcher muss er betrachtet und bekämpft werden. Wir sind nicht „gegen alle Kriege“: das ist eine extrem verkürzte Position. Aber nur wenn die Macht an das Proletariat übergeht, wird man von „revolutionärer Verteidigung“ und „revolutionärem Krieg“ sprechen können: und deshalb wird diese Position auch den Verzicht auf jegliche Annexion und den kompletten Bruch mit allen Interessen des Kapitalismus voraussetzen (das wird sich genau vom Oktober an bestätigen, dank der Roten Armee, organisiert und geleitet von Trotzki in der Verteidigung/im Vorstoß seitens der proletarischen Macht gegen die Aggression aller koalierten kapitalistischen Länder). Es ist notwendig, den Massen „mit besonderer Sorgfalt, mit Hartnäckigkeit und Geduld zu erklären“, dass der Krieg noch mehr zur Demokratie als zum Despotismus passt. Es ist notwendig, eine systematische Propaganda in der Armee durchzuführen und die Verbrüderung zwischen den Proletariern in Uniform auf jeder Seite der Front zu praktizieren. Es ist notwendig die Situation auszunutzen, die sich mit dem Zusammenbruch des Zarismus ergeben hat („unter allen kriegerischen Ländern ist Russland heute das freieste auf der Welt“ und Achtung: das „heute“ ist im Original kursiv!) um, für den Moment, eine geduldige Arbeit unter den Massen zu entwickeln, gut wissend, dass diese Arbeit zum Licht der Sonne sich notwendigerweise bald genug zur illegalen Arbeit gesellen wird. Keine Unterstützung also der provisorischen Regierung von Lvov oder von irgendeiner anderen Regierung, die aus der Februarrevolution hervorgegangen ist: es ist stattdessen notwendig, sie vor den Augen der Massen zu entlarven, und hier ihren bürgerlichen und konterrevolutionären Charakter zu zeigen. 

Diese geduldige Arbeit unter den Massen betrifft dann vor allem die Auffassung der Partei bezüglich der Sowjets. Dort – erinnert Lenin – sind wir heute in der Minderheit: um so mehr, wiederholt er, „daß daher unsere Aufgabe ... nur in geduldiger, systematischer, beharrlicher, besonders den praktischen Bedürfnissen der Massen angepaßter Aufklärung über die Fehler ihrer [der Sowjets, die noch von anderen politischen Kräften dominiert werden – NdR] Taktik bestehen kann.“ (Über die Aufgaben des Proletariats in der gegenwärtigen Revolution). Erklären mit Geduld und den Massen zu helfen, sich von den Fehlern zu befreien – auf Grundlage der Erfahrungen. Also, dass der dialektische Materialismus historische Dynamik wird, die Theorie sich in Praxis übersetzt: die der revolutionären Partei und ihrer Arbeit innerhalb der spontanen proletarischen Organismen, auch die politischeren wie die Sowjets.

Wir treten nicht für die parlamentarische Republik ein, weil wir gut wissen, dass die demokratisch-parlamentarische Form die geeignetste der bürgerlichen Herrschaft ist. Wir bekennen uns zur Republik der Sowjets und der Arbeiter-, Landarbeiter- und Bauern-Deputierten, im gesamten Land, von unten bis oben: und das soll heißen, die Macht zu übernehmen. Es sind die klassischen Parolen von 1848, verifiziert und praktiziert im Leben der Erfahrung der Pariser Kommune. Unser Text „Die ökonomische und gesellschaftliche Struktur des heutigen Russland“ (derzeit nur auf italienisch verfügbar: „Struttura economica e sociale della Russia d´oggi“, Seite 128-129) erläutert:

„Hier merkt man die Größe von Lenin. Die Sowjets sind kein Kampforgan der Revolution, sondern viel mehr: die Form der staatlich-revolutionären Macht. Sie sind das, was in den Wörtern enthalten war: demokratische Diktatur. Das Proletariat übernimmt die Macht im Laufe der antifeudalen Revolution, verwirklicht die gesellschaftliche Transformation, die in der Substanz die Einführung des Kapitalismus ist, aber in dieser Zeit nimmt es der Bourgeoisie und den Großgrundbesitzern nicht nur die Macht, sondern organisiert das in einer Form, die diese aus allem ausschließt, auch aus dem Recht der Repräsentation.

Diese wird nur politische Ermächtigung im Sinne des Netzes der Sowjets von der Peripherie zum Zentrum sein; auf dieser Konstruktion wird der Staat basieren; die Bourgeoisie wird nicht einfach nur nicht die Macht haben, sondern wird nicht vorkommen – nicht einmal als eine Oppositionspartei.

[...]Die eigene Form der antifeudalen russischen Revolution wird keine parlamentarische Versammlung sein wie in der französischen Revolution, sondern ein anderes Organ, basierend auf der Klasse der Arbeiter von Stadt und Land.

Es fällt nicht nur die Ausrede, bis zu den Wahlen der Konstituierenden zu warten, sondern die Notwendigkeit von dieser entfällt: der Zyklus wird sich zu gegebener Zeit mit der Zwangsauflösung schließen. Es handelt sich um einen komplett anderen Weg: in den Sowjets eine bolschewistische Mehrheit zu erobern, durch legales Arbeiten (1848: das Proletariat als politische Partei zu organisieren), dann erobern der gesamten Macht durch die Sowjets (das Proletariat als herrschende Klasse organisieren), dabei offensichtlicherweise mit Kraft die Macht der provisorischen Regierung niederreißen.

Das Proletariat wird in der sozialistischen Revolution [Ergänzung: rein, anti-demokratisch – NdR] die Macht der festen parlamentarischen, bürgerlichen Regierung niederreißen und wird die Diktatur nur der Lohnarbeiter organisieren, durchgeführt durch die Kommunistische Partei.

Hier [Russland, April 1917 – NdR] – das darf niemals vergessen werden – sucht die Geschichte noch die Formen der proletarischen Macht in der nachträglichen demokratischen Revolution (Die ökonomische und gesellschaftliche Struktur des heutigen Russlands, Seite 128-129 [nur auf italienisch]).

Richtung Sozialismus. Aber nur „Richtung“

Und die „Thesen“ sowohl in der zusammenfassenden Fassung des 4.-5. April als auch in der organischeren ausführlichen Fassung des 10. April gehen weiter. Polizei, Armee, der Körper der Funktionäre (das heißt, der bürgerliche Staatsapparat) werden unterdrückt und ersetzt durch die Volksbewaffnung, was gleichbedeutend ist mit diesen Apparat in Trümmer zu legen. Nicht nur: aus dem schon bekannten Beispiel der Pariser Kommune, Wählbarkeit und Abwählbarkeit in jedem Moment, von allen Funktionären und dass ihre Bezahlung nicht den Durchschnittslohn eines guten Arbeiters überschreitet – ein Schritt, der jeden Versuch des Karrierismus unterbindet und in Richtung der Überwindung der sozialen Teilung der Arbeit geht. Aber wir zitieren die Thesen in der Frage vollständig, weil es wichtig ist, um zu zeigen, wie die Übersetzung der Theorie in die Praxis tatsächlich stattfindet und wie sich dieser Prozess über jede scheue kleinbürgerliche Vision der sozialen Transformation erhebt. Es spricht die Lenin-Partei im Punkt 12 von „Die Aufgaben des Proletariats in unserer Revolution“ (die ausführliche Fassung des 10. April):

„Die Ersetzung der Polizei durch die Volksmiliz das ist eine Umgestaltung, die sich aus dem ganzen Verlauf der Revolution ergeben hat und die jetzt in den meisten Orten Rußlands durchgeführt wird. Wir müssen den Massen klarmachen, daß in den meisten bürgerlichen Revolutionen vom gewöhnlichen Typus eine solche Umgestaltung äußerst kurzlebig war und die Bourgeoisie selbst die allerdemokratischste und allerrepublikanischste die vom Volke getrennte, der Befehlsgewalt von Bourgeois unterstellte alte Polizei vom zaristischen Typus wieder eingesetzt hat, die dazu geeignet ist, das Volk in jeder Weise zu unterdrücken.

Es gibt nur ein Mittel, die Wiederherstellung der Polizei zu verhindern: die Schaffung einer allgemeinen Volksmiliz, ihre Verschmelzung mit dem Heer (Ersetzung des stehenden Heeres durch die allgemeine Volksbewaffnung). An der Tätigkeit dieser Miliz müssen ausnahmslos alle Bürger und Bürgerinnen vom 15. bis zum 65. Lebensjahr teilnehmen, wenn es statthaft ist, durch diese ungefähren Altersgrenzen die Beteiligung der Halbwüchsigen und der alten Leute festzulegen. Die Kapitalisten müssen den Lohnarbeitern, den Dienstboten usw. die Tage bezahlen, die diese im öffentlichen Dienst bei der Miliz verbringen. Ohne die Heranziehung der Frauen zur selbständigen Teilnahme nicht allein am politischen Leben schlechthin, sondern auch am ständigen, von allen zu leistenden öffentlichen Dienst kann von Sozialismus keine Rede sein, ja nicht einmal von einer vollständigen und dauerhaften Demokratie.

Solche Funktionen der „Polizei“ aber wie die Fürsorge für Kranke, die Sorge um verwahrloste Kinder, um gesunde Ernährung usw. sind ohne die tatsächliche, nicht nur auf dem Papier bestehende Gleichberechtigung der Frauen überhaupt nicht befriedigend durchzuführen.

Die Wiederherstellung der Polizei nicht zuzulassen, die organisatorischen Kräfte des ganzen Volkes zur Schaffung einer allgemeinen Miliz heranzuziehen das sind die Aufgaben, die das Proletariat im Interesse der Verteidigung, Festigung und Weiterentwicklung der Revolution in die Massen tragen muß.“

Klar? Keine Illusion „sofort den Sozialismus einführen“ zu können: die Klassen existieren noch, so wie noch der Lohn existiert und man spricht noch von „vollständiger und dauerhafter Demokratie“. Der „Weg zum Sozialismus“ (ein Weg und nicht die „Errichtung“, mit all dem voluntaristischen und unmaterialistischen, was dieses Wort innehat) wird möglich sein, wie wir im Weiteren sehen werden, nur in Verbindung mit der reinen proletarischen Revolution, wenigstens in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern, Deutschland an erster Stelle. Auf dieses Thema wird Lenin fortfahren zu pochen, in diesen Tagen und in diesen Wochen. Hierauf wird er zurückkommen, zum Beispiel, auf der gesamtrussischen VII. Konferenz der SDAPR(B), im „Referat zur politischen Lage“ vom 24. April, darauf gezielt, „den gegenwärtigen Moment zu untersuchen und hier eine Bewertung zu machen“, ein „sehr umfangreiches“ Thema, das in drei Punkte gegliedert werden kann: „erstens die Beurteilung der eigentlichen politischen Lage bei uns in Rußland, die Stellung zur Regierung und zur Doppelherrschaft, die sich herausgebildet hat; zweitens die Stellung zum Krieg, und drittens die gegenwärtige internationale Situation der Arbeiterbewegung, die sie, im Weltmaßstab gesprochen, unmittelbar vor die sozialistische Revolution stellt.“ Von Neuem, die Aufgabe ist, die Genossen damit zu konfrontieren, wie man handeln muss in und mit dem Proletariat, wie die Partei ihre eigene dirigierende Funktion ausüben muss ausgehend von den Widersprüchen, die die Proletarier und die armen Bauern und die Ärmsten treffen, wie die doppelte Revolution, die Revolution in Permanenz in der Praxis zu entwickeln und letztendlich sogar zu herbeizuführen, in einem rückständigen Land wie Russland. Noch einmal haut und schlägt Lenin die fundamentalen Nägel von einer Strategie und einer Taktik, die allen Genossen gut bekannt sein müssten, weil sie nicht neu sind: sie sind kodiert seit 1848 und weiter präzisiert in den „Zwei Taktiken“. Er sagt, weiterhin im „Referat“: „Wir können nicht dafür eintreten, den Sozialismus 'einzuführen' - das wäre der größte Unsinn. Wir müssen den Sozialismus propagieren [mit Geduld zu erklären! NdR]. Die Mehrheit der Bevölkerung in Rußland besteht aus Bauern, Kleinbesitzern, die an den Sozialismus nicht einmal denken können. Was aber können sie dagegen sagen, daß in jedem Dorf eine Bank bestehen soll, die ihnen die Möglichkeit geben würde, ihre Wirtschaft zu verbessern? Dagegen können sie nichts sagen. Wir müssen diese praktischen Maßnahmen unter den Bauern propagieren und in ihnen das Bewußtsein festigen, daß sie notwendig sind.“ Bank, Wirtschaft – sprich, Kapitalismus.

Aber wir kommen zurück zu „Die Aufgaben des Proletariats in unserer Revolution“, wo, für die Notiz, man von Aufgaben spricht, die noch existieren innerhalb einer Situation, in welcher es darum geht, den Kapitalismus in einem ökonomisch und gesellschaftlich rückständigen Russland zu entwickeln. Zum Punkt 13 sagt man, „Wir müssen die Nationalisierung des gesamten Grund und Bodens fordern, d. h. den Übergang des gesamten Grund und Bodens im Staate in das Eigentum der zentralen Staatsmacht.“, was dadurch gemacht wird, „daß jede konfiszierte Gutswirtschaft in einen Mustergroßbetrieb verwandelt wird, der unter der Kontrolle der Sowjets der Landarbeiterdeputierten steht.“ Und zum 15. Punkt: „Doch nur bürgerliche, sich hinter 'beinahe-marxistische' Schlagworte versteckende Sophisten können aus dieser Wahrheit folgern, daß eine Politik gerechtfertigt sei, die die sofortige Durchführung praktisch völlig ausgereifter revolutionärer Maßnahmen hinausschiebt, wie sie während des Krieges von einer Reihe bürgerlicher Staaten nicht selten getroffen wurden, Maßnahmen, die zur Bekämpfung der nahenden vollständigen wirtschaftlichen Zerrüttung und der Hungersnot dringend notwendig sind.

Solche Maßnahmen wie die Nationalisierung des Grund und Bodens, sämtlicher Banken und Syndikate der Kapitalisten oder zumindest die Errichtung der sofortigen Kontrolle über sie durch die Sowjets der Arbeiterdeputierten usw., Maßnahmen, die durchaus nicht die 'Einführung' des Sozialismus bedeuten, müssen unbedingt verfochten und, nach Maßgabe des Möglichen, auf revolutionärem Wege verwirklicht werden. Auf anderem Wege als durch diese Maßnahmen, die nur Schritte zum Sozialismus und ökonomisch durchaus durchführbar sind, ist die Heilung der Wunden, die der Krieg geschlagen hat, und die Verhütung des drohenden Zusammenbruchs unmöglich, und die Partei des revolutionären Proletariats wird vor einem Angriff auf die unerhört hohen Profite der Kapitalisten und Bankiers, die sich gerade 'am Kriege' in besonders skandalöser Weise bereichern, niemals haltmachen.“ 

Und der zweite Schritt?

Der zweite Schritt wird nur dazu führen, dass die rein proletarische Revolution in den fortgeschrittenen Ländern kommt. Und in der Tag, die folgenden Punkte werden die Frage der Internationale und den Namen der Partei tangieren. In der zusammenfassenden Fassung vom 4.-5. April, hier die letzten drei Thesen, dann wiederaufgenommen in artikulierterer Weise in der Version vom 10. April:

  1. Nicht „Einführung“ des Sozialismus als unsere unmittelbare Aufgabe, sondern augenblicklich nur Übergang zur Kontrolle über die gesellschaftliche Produktion und die Verteilung der Erzeugnisse durch den Sowjet der Arbeiterdeputierten.
  1. Aufgaben der Partei:
  1. sofortige Einberufung des Parteitags;
  2. Änderung des Parteiprogramms, in der Hauptsache in folgenden Punkten: 
    1. Imperialismus und imperialistischer Krieg;
    2. Stellung zum Staat und unsere Forderung eines „Kommunestaates“;
    3. Berichtigung des veralteten Minimalprogramms;
  3. Änderung des Namens der Partei.
  1. Erneuerung der Internationale.

Initiative zur Gründung einer revolutionären Internationale, einer Internationale gegen die Sozialchauvinisten und gegen das „Zentrum“. 

Bezüglich des Namens der Partei wird Lenin am 10. April in detaillierter und argumentativer Art und Weise erklären, wie die Ausdrücke „Sozialdemokratie“ und „sozialdemokratisch“ bereits zu viel Doppeldeutigkeit und zu viele Widersprüche enthalten, zu viele schmerzhafte Erinnerungen für die internationale kommunistische Bewegung und man müsste deshalb zur ursprünglichen Bedeutung zurückkehren, der des Kommunistischen Manifests von 1848: „Wir müssen wiederholen, dass wir Marxisten sind und das Kommunistische Manifest als Grundlage nehmen, entstellt und verraten durch die Sozialdemokratie in 2 grundsätzlichen Punkten: 1) die Arbeiter haben kein Vaterland, die 'Verteidigung des Vaterlandes' im imperialistischen Krieg ist ein Verrat des Sozialismus; 2) die marxistische Theorie des Staates wurde durch die II. Internationale entstellt“.

Es handelt sich nicht um eine formale „Angewohnheit“ (genau Lenin). Im Gegensatz, sich vereinigend mit der Absicht („die Initiative zu übernehmen...“) der Schaffung einer neuen Internationale, die Veränderung des Namens – von „Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands (B)“ zu „Kommunistische Partei“ – impliziert auch das Verlassen des Nationalen, von „Russland“, was der alte Name implizierte, und hat eine entscheidende Auswirkung in einer weltweiten Perspektive. Wie man in unserem Text „Die ökonomische und gesellschaftliche Struktur des heutigen Russland“ liest, „der Oktober muss sich sozialistische Revolution nennen, nicht nur weil das Proletariat die führende und herrschende Klasse ist, sondern wegen ihrer ursprünglichen politischen und staatlichen Form, die jede bürgerliche Republik übersteigt und die der internationalen sozialistischen Revolution eigen ist, wohingegen vor allem die sozialistische Transformation der ökonomischen Struktur dieser neuen Form und Kraft nicht von Russland aus beginnen können wird, sondern stattdessen von Europa aus“.

Die Gründung, zwei Jahre später, der Kommunistischen Internationale wird den Höhepunkt des Prozesses repräsentieren, den die „Aprilthesen“, in ihrer internen dialektischen Verkettung und in ihrer knappen Übersetzung der Theorie in die Praxis, eingeleitet hatten, in perfekter Kontinuität mit der gesamten vorhergehenden kollektiven politischen Arbeit. So, wieder in die richtigen Bahnen gelenkt, war die Partei bereit, den Weg wiederaufzunehmen, der nicht leicht, nicht linear war, und der den April vom Oktober trennte.

International Press

 

                    

            

 

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